Das Märchen vom Reichwerden im Schlaf

Es begab sich einmal folgende Geschichte: der kleine Moritz hatte, wie so viele junge und nicht mehr ganz so junge Menschen um ihn herum, die Schnauze gestrichen voll – vom täglichen Hamsterrad der Erwerbsarbeit.

Er hatte die Schnauze voll vom Gemecker seines Chefs, vom Genöle seiner Kollegen und von der Anspruchshaltung seiner Kunden, vom schlechten Filterkaffee, der zudem auch noch immer gerade dann aus war, wenn er sich eine Tasse davon nehmen wollte, um seine gänzlich abhanden gekommene Motivation mit Koffein zu kompensieren…Er hatte die Schnauze voll vom morgendlichen Weckerklingeln, vom Lesen und Verfassen sinnloser Memos, von seinem überquellenden Emaileingang und dem Warten auf Freitag, das schon Sonntagabends beim Tatortschauen bei ihm begann. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Es begab sich zu der gleichen Zeit, dass einige Schlaufüchse das mühselige Hinterhergerenne hinter Mäusen, Hühnern und ähnlichem Kleingetier genau so satt hatten. Sie waren es leid, in der Dämmerung jeden abend aufs Neue loszupirschen und sich bei ausbleibendem Jadgerfolg dann auch noch mit unreifen Hagebutten zufrieden geben zu müssen; sie träumten, davon, dass Ihnen die Tauben wie auch die Trauben direkt in den Mund flogen bzw. wuchsen, während Ihnen die Sonne auf den güldenen Pelz schien. Als diese Schlaufüchse von dem Überdruß des kleinen Moritz Wind bekamen, wurde Ihnen bald klar: das ist unser Ausweg.
Und sie begannen, dort, wo der kleine Moritz regelmäßig seine Runde drehte, verlockende Köder im World Wide Wald auszulegen…Geschichten vom „passiven Einkommen“ machten bald die Runde – diese waren immer relativ ähnlich aufgebaut: der Hauptdarsteller befand sich meistens auf dem finanziellen (und oft auch sonstigen) Tiefpunkt seines Lebens – Stapel ungeöffneter Rechnungen im Briefkasten, der Gerichtsvollzieher stand vor der Tür, die Beziehung ging parallel dazu auch meistens in die Brüche (oder zumindest kam noch ein solider Wasserschaden dazu)…in dieser aussichtslosen Lage traf unser Held auf jemanden, der ihm das rettende Geheimnis offenbarte! Dank diesem war er nun innerhalb kürzester Zeit zum Status des mehrfachen Millionärs emporgeklommen, der frei und selbstbestimmt seine Tage verbrachte (z.B. mit Hochseefischen, ausgedehnten Reisen, Handicap verbessern und interessante Leute treffen), nur gelegentlich kleine Optimierungen an seinem „System“ vornahm und ansonsten ein Leben führte, dass er sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Die Schlaufüchse waren sehr gut darin, die Dramaturgie dieser Geschichten psychologisch ausgefeilt zu gestalten; schließlich mussten sie den kleinen Moritz ja zum Dranbleiben überreden. Die ersten Geschenke gab es umsonst, meist enthielten sie rhetorisch auf Hochglanz polierte Binsenweisheiten, gepaart mit einer aktivierenden „You can do it“-Attitude – wer tiefer in die Materie einsteigen wollte oder gar einen Blick auf „the most important missing piece in the puzzle“ erhaschen wollte, wurde zur Kasse gebeten – aber natürlich zu einem SuperSonderDiscount-Preis, für alle, die schon bis hierhin durchgehalten hatten und auch nur für die nächsten 48 Stunden gültig! Der kleine Moritz staunte nicht schlecht, was es da alles für Möglichkeiten gab, quasi ganz mühe- und risikolos der elenden Angestelltenmühle zu entkommen: von „Reich werden im Schlaf durch den Glaube an das Law of Attraction“ bis hin zum Aufruf zu tollkühnen Immobilienspekulationen ohne einen Cent Eigenkapital war wirklich einiges geboten. Faszinierend war auch, wie ihm die Füchse das Multi-Level-Marketing schmackhaft machten: einfach einige Bekannte/Freunde von dieser genialen Business-Idee überzeugen und schon rollte der Rubel quasi automatisch! Wobei das Geniale an der Idee in der Regel nie das Produkt war, sondern der Gedanke immer mehr Leute zum Mitmachen zu animieren. Zahlreich schlugen ihm auch die wildesten Webinars, Tutorials und Trainings zum Aufbau eines Millionenimperiums in Form eines wie auch immer gearteten „Online Business“ entgegen. Der wichtigste Aspekt dabei war „Skalierbarkeit“, dann stand einem sich wöchentlich exponentiell vervielfachendem Umsatz eigentlich nichts mehr im Wege.

Und die Füchse – ja, die lachten sich ins Fäustchen – denn sie selbst hatten mit der Art und Weise, wie sie die Sehnsucht des kleinen Moritz ausnutzten und zu Geld machten, hervorragend exemplarisch vorgemacht, dass alles, was sie lehrten und verkauften, tatsächlich funktionierte. Und wenn die Sehnsucht des kleinen Moritz nicht gestorben ist, dann klingelt ihre Kasse noch heute.

So, zurück aus dem Märchenwald ins Hier und Jetzt: das sollte eben keine Kritik an dem Konzept des „Passiven Einkommens“ sein, im Gegenteil – ich schätze dieses Konzept sehr und halte es für einen essentiellen Baustein auf dem Weg zu dem, was jeder für sich individuell als „finanzielle Freiheit“ definieren möge. Aber der zutiefst verbreitete Wunsch nach Reichtum ohne große Mühe (oder zumindest Freisein vom täglichen Erwerbstrott) ist natürlich auch ein toller Tummelplatz für alle, die sich mit dieser Idee selbst eine goldene Nase verdienen wollen und gelegentlich auch den ein oder anderen Scharlatan. Deshalb sollte man gerade die Mythen, die zu schön klingen, um wahr zu sein, mit gesundem Menschenverstand hinterfragen und die Überbetonung des Wortes „Passiv“ etwas kritisch sehen, dann kann man sicher die eine oder andere Option entdecken und ausbauen, die zu einem selbst gut passt. Zumindest ich bin überzeugt davon, dass hinter den meisten funktionierenden passiven Einkommensströmen aktive Arbeit (vor allem in der Aufbauphase, aber auch in der „Maintenance“ und Weiterentwicklung) steckt und vor allem – ein mehr oder weniger großer Funken echtes Unternehmertum! Und Unternehmertum impliziert für mich Konsequenz, stetiges Dranbleiben, Verantwortung, eine gewisse Bereitschaft zum kalkulierten Risiko und manchmal auch eine gute Idee (wobei die nachhaltige und solide Umsetzung einer wenig originellen Idee in der Regel erfolgversprechender ist als eine „Bombenidee“ nur halbherzig zu verfolgen). Das sollte jedem bewusst sein, der glaubt, sich mit dem Einstieg in ein wie auch immer gearteten „System“ (z.B. im Network Marketing) oder dem Abkupfern eines „How to build your idiot-proof business“-Blueprint mühelos in nie gekannte Einkommenssphären aufschwingen zu können. Es ist Arbeit und kostet Energie, insbesondere neben einem Vollzeitjob. Nur ein bisschen daran „schnuppern“ und mal ausprobieren, wird kaum Erfolg bescheren. Aber so ist es ja mit vielen Dingen im Leben 😉

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7 Gedanken zu “Das Märchen vom Reichwerden im Schlaf

  1. Sehr schöne Geschichte, spricht mir aus der Seele. Ich rege mich ja immer wieder gerne darüber auf, dass die finanziell erfolgreichsten Blogs die sind, die sich mit „Geldverdienen mit Blogs“ beschäftigen. Und auch in der „Passives Einkommen“ Szene gibt es den trauigen Trend, sein eigenes passives Einkommen v.a. mit einem Blog zu Passivem Einkommen generieren zu wollen.

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